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It`s just a rumour that was spread around town...

 
bandinavan

Letzten Mittwoch, zwischen 22:41 und 00:04, hatte ich das perfekte Theatererlebnis.

Dieser Superlativ ist keine geistlose Floskel, denn das taxithéâtre, eine Produktion des Théâtre vingt-sept aus Marseille im Rahmen des Festival des Arts in Brüssel, hat mir die Augen für bisher vollkommen unbekannte Universen geöffnet.
How come, fragt sich der Fachmann, und der Laie wundert sich.
"taxithéâtre" läuft folgendermassen ab: Man wartet mit zwei Freundinnen mitten in der Nacht an einer Strassenecke auf einen zerbeulten alten Mercedes. Dieser wird von einer Schauspielerin gesteuert. Zu dritt nimmt man auf der leicht muffigen Rückbank Platz, während sie, das Autoradio voll aufgedreht, eine Geschichte zu erzählen beginnt. In meinem Fall Vous êtes mort je suis vivant nach einer Vorlage dieses Herren.
Sie erzählt also von Peter, dessen Frau Jane vor zwei Jahren an den Folgen einer H-Bombe starb (oder auch nicht...), von seiner verzweifelten Suche nach einem Ersatz für sie unter den sémi-vivants, bedauernswerten Homunculi, zwischen denen und den Menschen eine verschwommene, aber undurchlässige Grenze besteht. Draussen gleiten die Lichter von Louise vorüber...
Plötzlich ertönt eine Stimme von hinten, und mein Glaube, es handle sich um einen Lautsprecher, wird durch Peter widerlegt, der sich aus dem Kofferraum windet, Bon Soir wünscht, neben mir auf der Rückbank Platz nimmt (Gut aufgepasst. Ana musste nun auf den Beifahrersitz.) und die Fahrerin bittet, ein bestimmtes Café anzusteuern...
Spätestens nun war ich vollkommen in der Geschichte versunken. Die Stadt wurde zur einzig denkbaren Kulisse für diese postapokalyptische Geschichte von der Kopierbarkeit des Lebens, der Verzweiflung Peters und der Zynik der Werbung. Die Säulenheiligen von Petit Sablon werden zur neu produzierten Halblebenden, der Aufzug unter dem Palais de Justice zum gläsernen Sarkophag, in welchem uns Jane, regungslos und wunderhübsch, entgegenschwebt. Ich musste schlucken...
Nach einer Stunde ist alles vorbei. Peter und Jane haben das Taxi mehrmals verlassen, sind an den entlegensten Orten der Stadt wieder zugestiegen und schliesslich in der rue de Flandre verschwunden.
Zurück bleibt eine heisses Gefühl der Freude. Freude darüber, dass es Menschen gibt, die dafür leben, anderen Geschichten zu erzählen (hier kann man ein interessantes Interview mit der Schöpferin des "taxithéâtre", Anne Marina Pleis, lesen). Egal, ob nur drei Leute zuschauen können. Freude darüber, dass es Kunstpolitik gibt, die nicht dem Primat der Masse unterworfen ist. Freude darüber, etwas Wunderschönes, Erhabenes mit lieben Freunden erlebt zu haben.
Als wir die Lesse entlanggleiten, passieren wir ein Werbeschild mit der Aufschrift "Pour une méllieure vie". Peter deutet darauf und lächelt. Das war nicht Teil der Inszenierung...
 

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